Ich wollte Kathrin besuchen, eine sehr gute Freundin, die mich nicht nur auf's Ente Fahren gebracht hat, sondern deren erstes Auto
eine gelb-schwarze Charleston war. Im April 2001 hatte sie einen Schweden geheiratet und ist zu ihm gezogen - 2200 km weit weg, in die Nähe des Polarkreises.
Wir hatten uns also schon ein halbes Jahr nicht mehr gesehen, und da die Restauration meiner Ente gerade abgeschlossen war, konnte der
schon länger geplante Überraschungsbesuch in Angriff genommen werden. Eine kleine, geheime Absprache mit ihrem Mann
(jemand mußte ja das Wochenende von Terminen freihalten) ergab, daß die Aktion am ersten Oktoberwochenende über die
Bühne gehen sollte - kurz vor dem ersten Schnee.
Ich hatte mir gedacht, daß ich am Freitag abend ankomme, kurz bevor Kathrin von der Arbeit nach Hause kommt, um dann das Wochenende
dort zu verbringen und Montag morgen wieder abzureisen (die Option auf Dienstag morgen wurde von ihr aber eingelöst ;-)
Den Termin im Kopf ging es dann am Donnerstag morgen um 00.30 Uhr kurz vor Hannover los. Geplant war, am ersten Tag mindestens die 1300 km bis Stockholm zu bewältigen, jeder Kilometer mehr war ein Bonus. Die Beinahe-Katastrophe trat aber schon viel früher ein. Zwar konnte ich durch die geschickte Zeitplanung jede Rush-Hour vermeiden, aber kurz vor Kopenhagen geriet ich dann doch wegen eines Unfalls in einen Stau. Das allein wäre nicht so schlimm gewesen, wenn nicht das Gaspedal geklemmt hätte. Ab und zu blieb es einfach hängen, so daß der Wagen nicht langsamer wurde. Nicht nur im Stau ist das nervig, wenn man alle nasenlang den Motor abwürgen muß um keine Auffahrunfälle zu produzieren, sondern auch beim Schalten. Man bekommt es mit der Angst zu tun, wenn beim Hochschalten und getretener Kupplung das Gaspedal in der Vollgasstellung verharrt und der Motor in ungeahnte und sehr ungesunde Drehzahlregionen vorstößt. Außerdem öffnete sich das Seitenfenster auf der Fahrerseite bei starkem Seitenwind von rechts durch den Unterdruck mit großem Getöse ab und zu von selbst und konnte erst nach etlichen Versuchen wieder geschlossen werden, so daß es währeddessen fröhlich in den Innenraum hineinregnete.
Weiterhin hatte ich irgendwann gegen drei Uhr nachts den Tankdeckel an einer Zapfsäule liegengelassen und machte mir sorgen, daß das in den Einfüllstutzen gestopfte Stück Stoff in den Tank hineingesaugt werden könnte oder einfach von selbst hineinrutschte, weil es durch den Regen naß geworden war. Oder beides. So langsam bekam ich also Panik, ob die Strecke wirklich zu bewältigen wäre - mit einem Auto, daß eine Woche zuvor noch komplett zerlegt gewesen war. Die Nerven lagen ziemlich blank. Grandiose Sturmböen und Seitenwinde verbesserten die Situation auch nicht gerade. Aber irgendetwas trieb mich voran, aufgeben wollte ich nicht. Und als es dann hell wurde, verschwanden nicht nur die Müdigkeit, sondern auch die Macken der Ente wie von Geisterhand. Nur der Tankdeckel tauchte nicht wieder auf.
Aber alle bisherigen Strapazen waren sofort vergessen, als ich die Landschaft erblickte. Ich war das erste Mal in Schweden. Natürlich
wurden mir schon Fotos gezeigt, die wunderschön waren, aber wer hätte denn ahnen können, daß es wirklich überall
so aussieht? Und das schon entlang der Autobahn. Alles sah so konstruiert aus, vorsichtig und sorgfältig plazierte Steine
säumten Küstenlinien und Seeufer und die bunte Vegetation, die sich im blauen Wasser spiegelte setzte allem die Krone auf. Es
sah aus wie eine hervorragende Kulisse für einen Film. Aber das war es nicht. Es war Natur.
Leider regnete es immer noch, und das sollte sich auch nicht ändern. Der Fotoapparat war eingepackt, aber diesige Landschaften abzulichten
macht keinen Sinn, denn obwohl in Wirklichkeit beeindruckend, wirken sie auf Fotos irgendwie immer langweilig und trist. Also habe ich
alles nur mit den Augen aufgesogen und kann meinen Besuch im nächsten Sommer kaum erwarten.
Ich riß also weiter meine Kilometer herunter und bewegte die Ente immer im Bereich zwischen 110 und 120 km/h, wenn es die Steigung zuließ. Das war nicht schön für mich (zu laut) und das Auto (zu schnell), aber schließlich gab es einen Termin einzuhalten und ich wußte natürlich nicht, was noch alles auf mich zukommen würde.
In Jönköping lichteten sich dann auch die Wolken, es hörte auf zu regnen und dann und wann kam sogar einmal die Sonne zum Vorschein. Stockholm war denn auch schnell erreicht, es war noch hell und ich war nicht müde. Gerade hatte ich auch meine erste Pause hinter mir, nach 14 Stunden Fahrt. Das hört sich auf den ersten Blick lange an, aber da man mit einer Ente recht oft tanken muß, hat man zwischendurch schon Zwangspausen genug. Hinzu kommt das entspanntere Autofahren in Schweden. Die Straßen sind sehr breit, die Autofahrer rücksichtsvoll und freundlich. Ich kann nun verstehen, weswegen einige Schweden nur sehr ungern in Deutschland Auto fahren. Die Sitten sind hier doch deutlich rauher, wenn nicht gar rüpelhaft.
Die nächste anvisierte Stadt war nun Sundsvall, etwa 400 km von Stockholm entfernt, die auch als Etappenziel zur Übernachtung dienen sollte, so daß nach 1700 Kilometern am ersten Tag, für den zweiten nur noch ca. 450 bis zum Zielort, einem kleinen Dorf kurz hinter Kåge, übrigblieben. Sundsvall wurde wie geplant noch vor 21.00 Uhr erreicht, so daß trotz ausreichendem Schlaf die Strecke am nächsten Tag bis 16.00 Uhr locker zu schaffen sein würde, zumal die Ente bis jetzt keine Probleme zu machen schien.
Frisch und ausgeruht ging es am nächsten Tag gegen 10.00 Uhr morgens weiter. Alle gestrigen Wehwehchen waren verflogen und ich hatte
auch wieder Lust, weiterzufahren. Schließlich waren schon 80% der Strecke zurückgelegt. Aber es schien ein Problem zu geben.
Am Abend zuvor war es mir schon aufgefallen, aber ich hatte das der Erschöpfung zugeschrieben und als Einbildung empfunden. Beim Gas
Zurücknehmen, kurz bevor der Motor in den Schiebebetrieb überging, hörte er sich eigenartig an, irgendetwas schien
nicht mehr rund zu laufen und es roch nach Abgasen. Klangen so Zündaussetzer? Unter Last und bei völliger Gaswegnahme hörte
und fühlte sich das Entchen aber ganz normal an, also fuhr ich weiter, obwohl ich doch ein wenig beunruhigt war, die Strecke
war ja bald geschafft. Ankommen war das Allerwichtigste, denn ich wollte Kathrin ja nicht nur mit meinem Besuch, sondern auch mit der
Ente überraschen. Was dann auf den Rückweg passieren sollte, war eigentlich relativ egal, wäre doch die Versicherung für
einen etwaigen Rücktransport und Leihwagen aufgekommen. Das sah ich locker. Bloß oben ankommen, das zählte.
Ungefähr 20 Kilometer vor Ende der Reise, gab es in Skellefteå einen großen Knall und der Motor wurde wahnsinnig laut.
Zuerst dachte ich an einen defekten Auspuff, aber als ich beim Mich Retten auf den Standstreifen nochmal Gas gab, mußte ich feststellen,
daß der Motor so gut wie keine Leistung mehr abgab. Es schien also ernst zu sein. Nachdem ich die Ente abgestellt und die Motorhaube
geöffnet hatte, sah ich aber, daß nur eine Zündkerze herausgeflogen war. Daher kamen also die Unregelmäßigkeiten
und der Geruch. Und da die Kerze sich über 400 km langsam losgerüttelt hatte, standen die Chancen gut, daß sie nicht das
Gewinde mit aus dem Zylinderkopf gerissen hatte, der Defekt also behebbar war. Aber es war Freitag nachmittag um viertel nach drei, ich
mußte mich also beeilen, eine Werkstatt zu finden, denn Werkzeug hatte ich nicht dabei (werde ich in Zukunft wohl ändern).
In der Tat war in der Werkstatt, zu der ich mich durchgefragt hatte, auch kein Mechaniker mehr anzutreffen. Als mit der Bemerkung: "Hier
in Nordschweden vertrauen wir den Leuten normalerweise" meine Frage nach der zu hinterlegenden Sicherheit für das Werkzeug, daß
mir ein dort noch anwesender Mitarbeiter ausgeliehen hatte, auf eine unerwartete Art beantwortet wurde, war ich also ziemlich glücklich.
Erleichtert joggte ich den einen Kilometer zu meiner Ente zurück, schraubte die Zündkerze wieder in den mittlerweile
abgekühlten Motor hinein und startete. Er lief! Mit einem zufriedenen Lächeln fuhr ich zur Werkstatt und brachte das Werkzeug
zurück. Der Mitarbeiter, der es mir geliehen hatte, kam schon heraus, da er mein Entchen gehört hatte. Nachdem er es sich von
allen Seiten angeschaut hatte, fragte er mich, wo ich denn hinwolle, woraufhin ich mit "kurz hinter Kåge" antwortete und er dies
mit einem Grinsen erwiderte und zur Sicherheit nochmal fragte. Dann sagte er, daß er einen guten Freund in Kåge hätte, der
Citroëns sammeln würde, und der mit Sicherheit die Ente gerne einmal sehen tät. Ruck-Zuck hatte ich Name, Adresse und
Wegbeschreibung mit Zeichnung in der Hand, bedankte mich sehr herzlich und machte mich wieder auf den Weg, mit einem noch zufriedenerem
Lächeln, das sich bald in ein breites Grinsen verwandeln sollte.
Kathrin hatte nämlich erzählt, daß es bei ihr in der Gegend einen Citroën-Sammler geben soll. Sie wollte nämlich wieder einen Citroën kaufen, am liebsten eine DS. Nun ja, ich hatte jetzt also diese Adresse, und sie stellte sich als Volltreffer heraus.
Es war nun 16.00 Uhr, und ich war am Ziel. Auf die Minute genau den Zeitpunkt getroffen. Nach einer dreiviertel Stunde kam Kathrin dann von der Arbeit nach Hause. Dieses strahlende Gesicht werde ich wohl nie vergessen, selten habe ich jemanden so überrascht und glücklich erlebt. Und als sie dann natürlich die Ente fahren durfte, war für sie das Wochenende perfekt. Die nächsten drei Tage waren denn auch alle Anstrengung wert, und auch die Strapazen der noch anstehenden Rückreise wurden bedeutungslos.
Montag abend schauten wir dann gemeinsam bei dem Citroën-Sammler vorbei. Er und seine Frau hatten 30 (dreißig!) Autos, aber eine gelb-schwarze Charleston-Ente hatten auch sie noch nicht gesehen. Das Eis war also schnell gebrochen und zur Krönung des Abends lieh er mir einen Enten-Tankdeckel. Dieser befand sich zwar zur Zeit an der Ente seines Sohnes, der gerade nicht zugegen war, aber das sei kein Problem, versicherte man mir. Ich sollte ihn halt nur irgendwann zurückschicken. Ich muß sagen, ich war von Schweden schwer beeindruckt.
Dienstag morgen war der Abreisetermin gekommen. Um halb acht Uhr morgens machte ich mich auf den fast 2200 Kilometer langen Weg zurück nach
Deutschland - diesmal aber nicht mit Höchstgeschwindigkeit, sondern mit 90 bis maximal 100 km/h. Nun hatte ich ja Zeit. Und auch das
Wetter war ein wenig besser. Es regnete nur die halbe Zeit und für einen Moment kam sogar richtig die Sonne hinter den Wolken hervor,
so daß ich die Gelegenheit nutzte und endlich ein paar Fotos machte, die zum Teil auch hier und in der Bilder-Sektion zu sehen sind.
Mit den Pausen, die ich zwischendurch einlegte, war ich ebenfalls ein wenig großzügiger, als auf dem Hinweg, und plötzlich merkte
ich, daß es im Bereich des Möglichen lag, den Nachhauseweg zu bewältigen, ohne zu schlafen. Das Vorhaben scheiterte aber an
einer zu langen Nacht, so daß ich mir nach knapp über 22 Stunden Fahrt, 50 Kilometer nördlich von Flensburg doch noch
eineinhalb Stunden Schlaf gönnte, so daß die übrigen viereinhalb Stunden kein Problem mehr darstellten. Ein erwähnenswertes
Detail der Rückreise ist wohl die Øresund-Brücke. Das Bauwerk an sich ist nicht besonders schön und die Überfahrt
ist auch ein wenig enttäschend, weil man keinen Vergleichsmaßstab für die immensen Ausmaße dieses Bauwerks hat (man sieht nur Wasser). Ein Erlebnis
waren jedoch die Windböen. Teilweise waren im dritten Gang bei Vollgas nur 60 km/h drin, und die Seitenwinde spielten auch recht
hemmungslos mit dem 600 kg schweren Entchen.
Meine erste richtige Erfahrung mit meiner Ente war also eine ziemlich extreme und überwältigende. Die 4300 Kilometer waren zu meiner Überraschung sehr komfortabel mit der Ente zu bewältigen. Die Sitze erwiesen sich tatsächlich als so bequem, wie man immer hört, die geringe Motorleistung als nicht sonderlich von Nachteil, wenn man Zeit hat. Etwas Besonderes sind auch die Reaktionen der anderen Verkehrsteilnehmer oder auch Fußgänger. An Tankstellen wird man angesprochen: "Ich bin früher auch Ente gefahren." Leute jeden Alters (auch Teenager) winken einem zu, kleine Kinder zeigen auf das Auto. Ich war sogar versucht, Motorradfahrer zu grüßen. Einfach herrlich, einmalig!
Normalerweise ist man nach solch einer Gewalttour erschöpft und hat keine Lust, so etwas nocheinmal zu tun. Aber in einer Ente ist das alles nicht nur nicht so schlimm, man würde es sogar jederzeit wiederholen. Eine Erfahrung ist es allemal. Und viele von denen, die vorher ein Scheitern prophezeit haben, sehen die Ente jetzt doch als vollwertiges Auto. Manche sind sogar beeindruckt.